Geburtsbericht Joris

Am 26.09.2011 um viertel vor drei Uhr nachts ist unser Sohn Joris bei uns zu Hause in der kerzenerleuchteten Küche im Geburtspool auf die Welt gekommen.
Am Morgen des 25. September war wunderbares warmes Sommerwetter. Der ganze Sommer war ziemlich kalt und verregnet gewesen, was für mich als Hochschwangere ganz angenehm war. Aber jetzt im September war es seit einer Woche wunderbar spätsommerlich warm. Am Tag vorher, am 24. September, dem Stichtag, hatten mein Freund und ich uns nach einer wunderbaren Rosenölmassage morgens und abends ganz feierlich geliebt. Die Wochen vorher waren wir eher zögerlich gewesen, aber nun konnte das Kind sich auf den Weg machen und so wollten wir es einladen. In der Nacht auf den 25. hatte ich dann auch zwei Wehen gehabt, die ich wegatmen musste. Das war neu gewesen. Schon seit sechs Wochen hatte ich immer mal wieder so ein Ziehen in der Leistengegend gespürt, das in die Oberschenkel hinunter zog und mich oft auf die Knie zwang. Manchmal bin ich sogar auf allen vieren durch die Wohnung gekrabbelt. Aber diese Wehen in der Nacht waren neu gewesen. Am Morgen war jedoch alles unverändert und so gingen mein Freund Dirk und ich auf den Alsterdorfer Flohmarkt. Ich schob meinen riesigen Bauch gemächlich über den sonnigen Platz und wir erstanden noch das ein oder andere Kleidungsstück oder Spielzeug, stets umgeben von diesem wundersamen Zauber und der Spannung der bevorstehenden Geburt, die ja nun jeder Zeit losgehen konnte. Immer wieder wurden wir gefragt, wann es denn soweit sei und wir antworteten: „Gestern“. Es war ein schönes Gefühl so frei und gesund über den Flohmarkt spazieren zu können. Die ganze Schwangerschaft war gut verlaufen. Seit Beginn des dritten Monats waren wir von Gabriele und Nilufar betreut worden und ich fühlte mich gut unterstützt, meine eigenen Kräfte für die Geburt zu entwickeln. Als ich wusste, dass ich schwanger war, hatten wir zunächst geplant ins Geburtshaus zu gehen. Ich wollte schon immer gerne, wenn irgend möglich, fernab der Klinik mein Kind zur Welt bringen, aber in einer zwei Zimmer Wohnung dachte ich, wäre es zu eng und die Nachbarn zu nah. Ein Geburtshaus stellte ich mir immer als eine alte Villa in einem schönen Garten vor. Als wir uns dann aber im Geburtshaus vorstellten, sah ich, dass das Geburtshaus in Hamburg selbst wie eine Wohnung ist, keine freistehende Villa. So kam dann die Entscheidung, doch eine Hausgeburt zu machen. Es war gar nicht so leicht, eine Hebamme dafür zu finden, da von den wenigen, die es in Hamburg gibt, viele schon ausgebucht oder in der Zeit im Urlaub waren. Aber dann fanden wir Gabriele und Nilufar. Gerade zu Beginn der Schwangerschaft wollte ich am liebsten jemanden haben, der mir nun sagt was alles richtig ist und wie ich mich verhalten soll. Gabriele und Nilufar, die Bücher von Michelle Odent, mein Freund und auch mein Vater haben mir geholfen und mich darin gestärkt, zu erkennen, dass ich selbst der einzige Experte sein kann. Es gibt so viele Ratschläge und Anweisungen und betonte Gefahren, darin konnte ich mich nur mit meiner inneren Stimme und meinem Gefühl als Wegweiser zurrecht finden. Dies war die wichtigste Geburtsvorbereitung für mich: Den Mut, mir selbst zu vertrauen und das Zutrauen in die eigenen Gefühle zu entwickeln. In dem Geburtsvorbereitungskurs bei 3HO Zentrum für natürliche Geburt in Hamburg und beim Schwangeren Yoga dort wurde dieses Zutrauen weiter bestärkt.
In den letzten Wochen vor der Geburt hatte ich in der Küche schöne Affirmationen in bunten Farben aufgehängt und mir auch täglich immer einige davon bewusst gemacht. Die Wiege und der Wickeltisch waren aufgestellt, die Babywäsche gewaschen und wegsortiert (dass wir die gesamte erste Größe (50/52) unbenutzt wegsortieren würden, weil Joris schon so groß auf die Welt kam (fast 5kg), wussten wir ja noch nicht), ein erstes Paket Windeln gekauft (dass wir ihn die ersten Wochen nur in Stofftücher wickeln würden, wussten wir auch noch nicht), der Kinderwagen war hergerichtet, in jedem Zimmer waren Kerzen aufgestellt, ich hatte eine schöne mich beruhigende Yogamusik gefunden und, was mir besonders wichtig war, der Geburtspool war in der Küche aufgebaut und eine Hängematte war darüber an einem Haken angebracht für mich zum Festhalten. Dafür hatte Dirk mindestens 10 Löcher in die Decker gebohrt, bis er einen Holzbalken fand. Es war also alles bereit und so konnten wir entspannt und gespannt über den Flohmarkt schlendern, die Geburtsnummer hatte ich seit 6 Wochen immer dabei.
Am Nachmittag des 25. September kamen noch Freunde von uns vorbei und wir gingen im Stadtpark spazieren. Da musste ich so alle zwanzig Minuten anhalten und mich an meinem Freund festhalten und eine leichte Wehe wegatmen. Die richtige Atmung kam ganz von selbst. Dass es nun losgeht, wusste ich aber noch nicht. Wieder zu Hause aßen wir alle noch zusammen zu Abend und die Abstände in denen ich eine Wehe atmen musste wurden kürzer. Um acht verabschiedeten wir unsere Freunde und sagten, vielleicht ist das Baby morgen schon da. Ich ging dann erstmal in die Wanne. Die Wehen kamen weiter in derselben Intensität. Danach legte ich mich ins Bett, da ich immer davon ausging, als Erstgebärende kann es jetzt immer noch wieder aufhören oder noch einen Tag dauern. Aber im Bett konnte ich die Wehen nicht so gut aushalten und durch Bewegung und Atmen erleichtern. Also setzte ich mich auf ein Fell auf den Boden, hörte die Yoga Musik Divine Birth und machte Sufikreise und atmete wenn eine Wehe kam. Die Wehen waren immer noch kurz und leicht, aber kamen schon alle 5 Minuten. Um halb Zehn wussten wir, dass nun wohl der Geburtsprozess in vollem Gange ist.
Wir riefen meinen Vater an und sagten, er könne das Huhn nun abholen und er lachte und sagte er mache sich auf den Weg. Wir hatten ein Huhn eingefroren, damit mein Vater eine Hühnersuppe kochen konnte, solange wie die Geburt dauert und wenn das Baby da ist, können wir alle von dieser Suppe essen. Dann riefen wir meine Mutter und Dirks Eltern an, um Ihnen zu sagen, dass es nun losginge. Und auch Gabriele riefen wir um zehn an, damit sie auch Bescheid wusste. Sie sagte, sie würde sich sofort hinlegen und ich würde schon wissen, wann ich sie brauche. Dirk hatte in der Zwischenzeit alles aufgeräumt und überall Kerzen angemacht. Das war eine wunderbare Atmosphäre. Langsam wurden die Wehen stärker und ich ging nochmal in die Wanne. Nach einiger Zeit konnte ich mich da auch nicht mehr so bewegen, wie es die Wehen erforderten, also setze ich mich aufs Klo, weil ich dort zwischen Waschbecken und Wanne mich wunderbar abstützen konnte. Dirk saß vor mir auf dem Boden und inzwischen musste ich schon laut tönen, um die Wehen gut aushalten zu können. Also tönte ich ihm ins Gesicht. Das war ein wunderbares sicheres Gefühl, dass er da war. Um viertel vor eins platzte dann praktischerweise auf dem Klo die Fruchtblase. Ich war ganz erstaunt und erfreut und wusste nun endlich, dass es wirklich losgeht. Wir guckten uns die Farbe des Wassers an und alles war in Ordnung. Und nun bat ich Dirk, Gabriele anzurufen.
Eine halbe Stunde später war sie da. Sie ließ mit Dirk zusammen das Wasser in den Pool einlaufen und als ich dann zwischen zwei Wehen aus dem Bad in den Pool klettern konnte, war das eine riesen Erleichterung. Das warme Wasser, der viele Platz, die Hängematte und Dirk zum Festhalten. Gabriele hörte die Herztöne ab und saß ansonsten daneben auf dem Sofa und tönte mit mir, wenn eine Wehe kam. Eigentlich machten Dirk und ich alles alleine. Gabriele war dabei eine große Sicherheit und Beruhigung. Die Wehen waren inzwischen ziemlich anstrengend und ich tönte sehr laut. Einmal sagte ich ganz selbstmitleidig: „Ich brauch ne Pause!“ und Gabriele antwortete: „Jetzt ist Pause“. Da musste ich lachen. Von all meinen Affirmationen war für mich die hilfreichste diese: „Ich genieße die Energie, die durch meinen Körper strömt“. Das half mir, die Wehen zu durchleben. Da ich immer noch nicht einschätzen konnte, wie lange es wohl noch dauern würde, jammerte ich irgendwann: „Ich glaub es kommt da nie raus“. Und Gabriele sagte, ich solle mal fühlen, ob ich das Köpfchen schon fühle. Und tatsächlich, da konnte ich es schon berühren. Dadurch gewann ich neue Zuversicht. Zweimal verlangte ich nach Dextroenergen. Und jedes Mal gab mir das einen riesen Kraftschub. In den Wehenpausen konnte ich mich herrlich im warmen Wasser an den Poolrand lehnen und ausruhen oder ich lehnte mich nach vorne in Dirks Arme. Auch Dirk tönte wie Gabriele mit, wenn ich bei einer Wehe tönte und das trug mich wunderbar durch die Wehen. In einer Wehenpause merkte ich, wie das Köpfchen wieder ein wenig zurück ging. Ich sagte, erschrocken um die vermeintlich verlorene Anstrengung, zu Gabriele: „Das Köpfchen geht wieder zurück!“. Aber sie erklärte mir, dass es ganz normal sei, dass es sich den engen Weg mit dem Köpfchen langsam aufdehnt. Inzwischen war ich auf allen Vieren im Pool, vorne gestützt von Dirk und hinten gehalten von Gabriele, gegen die ich mich mit aller Kraft drückte, wenn eine Wehe kam. Einmal sagte sie “Ich nehm kurz meine Hände weg“ und ich sagte „Aber nur ganz kurz“. Und schnell waren ihre Hände wieder da. Später erzählte sie mir, sie hätte die Handgelenke kurz ausschütteln müssen, weil ich so kräftig dagegen drückte. An irgendeiner Stelle muss ich auch Dirk in die Schulter gebissen haben. Ich habe es gar nicht bemerkt, weil er keinen Mucks gemacht hat, aber am nächsten Morgen war da ein großer blauer Fleck mit Zahnabdrücken. Und dann kam der Moment, wo ich merkte, wenn ich jetzt weiterpresse, dann tut es wahnsinnig weh. Und trotzdem wusste ich, da muss ich durch. Das Baby muss da raus. Es gibt kein zurück. Und da nahm ich allen Mut und alle Kraft zusammen und in drei Wehen war Joris geboren. Zuerst kam sein Kopf und dann rutschte er ins Wasser. Ganz von selbst. Gabriele hielt nur mich.
Ich lehnte mich zurück und wollte ihn hochnehmen, aber Gabriele musste erst noch die Nabelschnur, die einmal um seinen Hals gewickelt war, abwickeln. Und dann nahm ich ihn auf die Brust und sagte: Hallo mein Kleiner. Dass es ein Junge war, hatte ich schon gesehen. Dirk kam hinter mich und umarmte uns von hinten. Das war ein wunderbarer Moment.

Dann fing Joris an zu schreien und ich wollte ihn an die Brust nehmen, aber konnte mich nicht so gut in dem Pool halten und somit konnte ich auch Joris nicht so gut halten. Außerdem hatte ich immer noch Schmerzen und war darüber frustriert, weil ich immer dachte, wenn er erst draußen ist, dann ist alles wieder gut. Das war dann eine etwas anstrengende Zeit, weil ich einfach so unsicher war, was ich jetzt machen sollte. Irgendwann entschieden wir, dass ich mich jetzt ins Bett legen sollte. Gestützt von Gabriele und Dirk mit Joris auf dem Arm, gingen wir ins Schlafzimmer. Dirk musste in den Pool steigen, um mir aufzuhelfen und danach musste er seine Hose mich stützend im Pool ausziehen, damit er nicht mit der nassen Hose, die ganze Wohnung einsaute. Im Bett liegend, konnte ich mich und Joris immer noch nicht richtig halten und ihn stillen und das frustrierte mich weiter. Gabriele sagte dann, die Gebärmutter liege schon in der Scheide und dann halfen mir Dirk und Gabriele mich einmal aufzurichten und so kam die Nachgeburt. Das war dann wieder eine Erleichterung. Joris hatte inzwischen ein bisschen was getrunken, er schrie aber immer noch. Ich gab ihn nun Dirk auf den Arm und Gabriele untersuchte mich und nähte meinen Dammriss. Danach untersuchte sie Joris und mit ihm war alles in bester Ordnung.
Sie sagte uns, er würde wohl nochmal trinken und dann erstmal 6-7 Stunden schlafen. Sie wollte, dass ich noch einmal auf Toilette ginge, bevor sie uns verließ und mit sehr mulmigem Gefühl im Bauch wankte ich aufs Klo, konnte aber nicht. Sie sagte, ich solle es später nochmal probieren. Dann ließ sie uns allein
.
Ich war immer noch nicht vom erwarteten Glücksgefühl erfüllt und bat Dirk, mir zwei Zink zu geben. Das tat er auch gleich. Und dann lag ich im Bett, der schlafende Joris neben mir und die ganze Liebe und Dankbarkeit des Universums durchflutete mich. Und ich wusste, wie Eltern ihre Kinder lieben und wie auch ich geliebt werde und diese Einsicht rührte mich zutiefst. Dirk musste noch das Wasser aus dem Pool lassen, denn als er seinen Bruder anrief, um ihm die frohe Botschaft zu übermitteln, da sagte der, dass es unglaublich sei, dass der Boden diese Last der vielen Liter Wasser ausgehalten habe. Er ist nämlich Architekt. Aber alle weiteren Aufräumarbeiten ließen wir für später. Alle nahen Verwandten waren informiert und wir lagen nun im Bett mit dem kleinen Wunder zwischen uns und staunten ihn noch lange an, bis wir auch irgendwann in den Schlaf fanden.
Am nächsten Vormittag kam mein Vater und half Dirk, die Wohnung aufzuräumen. Wir hatten immer noch keinen Namen für Joris und verbrachten auch viel Zeit damit, den passenden zu finden und fanden ihn. Am Nachmittag kam dann die ganze Familie und wir aßen die Hühnersuppe und stießen mit Champagner an und hießen Joris willkommen.

Insgesamt habe ich die Geburt sehr fließend erlebt. Es gab nie einen Stillstand. Alles lief wie ein Programm. Es waren ungeheure Kräfte, die durch mich flossen und dieses gemeinsame Erlebnis schuf eine tiefe Verbindung zwischen Dirk und mir. Wie Gabriele meine Eigenkräfte stärkend im Hintergrund eine ruhige und sichere Kraft war, das war wunderbar: Hat an keiner Stelle den fließenden Ablauf durch irgendwelche Untersuchungen oder Vorschriftshandlungen gestört, sondern wir flossen zusammen. Gleichzeitig hat sie an jeder Stelle, wo meine Ängste den Ablauf hätten stören können, sofort meine eigene Sicherheit wieder gestärkt. Nicht sie guckte, ob man das Köpfchen schon spüren konnte, sondern leitete mich an, dies zu tun. Dadurch habe ich ein wunderbares Gefühl der eigenen Stärke bekommen. Es ist ein tolles Gefühl, was ich geschafft habe bei dieser Geburt, alles mit eigenen Kräften, unterstützt von Dirk und Gabriele.

Die nächsten Tage kam Gabriele jeden Tag und das war auch wunderbar. Sie brachte uns aus ihrem Laden mit, was wir noch brauchten und konnte all die Fragen beantworten, die wir hatten und immer wieder Unsicherheit in eigene Sicherheit verwandeln.

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