Geburtsbericht Wim

Die glückliche Geburt unseres ersten Kindes

Mit dem Kennenlernen der Hebammen fing es an. Zwei dieser wunderbaren Frauen, handfest, freundlich, einfühlsam und überaus kompetent, haben wir zu einem Gespräch gebeten. Ab diesem Zeitpunkt konnte ich die Schwangerschaft intuitiver und gelassener wahrnehmen. Die Ultraschallbilder beim Frauenarzt waren zwar beeindruckend, berührten mich aber nicht weiter. Die Hebamme dagegen holte uns dort ab, wo wir waren statt mit einem Gerät am Bauch herum zu „zaubern“. So wurden nicht nur Werte des heranwachsenden Embryos gemessen und gedeutet sondern auch ich, die Schwangere, befragt, berührt, betreut. Das Technische geriet in den Hintergrund, das Menschliche überwog.
Nun kam ich auch selbst in dieser (gewollten und gewünschten) Schwangerschaft an. Lernte mich kennen, auch in diesen anderen Umständen. Lernte Vertrauen in diese Unternehmung zu fassen. Gabriele half mir sehr, früh einen Kontakt zum Kind im Bauch aufzubauen und dies zu genießen. Auf all ihre Besuche freuten wir uns sehr. Dies steigert sich noch, als die das Kind abtasten konnte und uns auch da heranführte. Der zukünftige Vater lernte, die Herztöne mit dem Hörrohr und später mit dem eigenen Ohr direkt auf meinem Bauch abzuhören. Innige Momente. Und das gute Gefühl, stets selbst nachhören (er) und nachfühlen (ich) zu können, ob es dem Kind wohl ergeht.
All unsere Fragen wurden stets klar, ausführlich und ohne Zeitdruck beantwortet. Wir vier wuchsen zu einem guten Team heran.

Dieses bestand dann auch die Feuertaufe, die Geburt, grandios: Am Geburtstag unseres Kindes nahm ich noch nichts ahnend mein mittlerweile übliches Schwangerschaftsfrüh-frühstück ein. Danach schlief ich weiter. Plötzlich gab es einen lauten Knall, ich verspürte direkt einen Stich im Unterleib und schreckte aus dem Schlaf hoch. Schnell türmte ich einen Berg Kissen und Decken vor mir auf und biss hinein. Dabei dachte ich nur: „Hoffentlich ist das die Fruchtblase, sonst ist in mir etwas anderes furchtbar kaputt gegangen!“ Ich weckte meinen Partner und wir taperten beide durch die Wohnung, wobei ich versuchte, die Tropfen, die ich verlor, aufzufangen und zu untersuchen. Das unaufhaltsame Tröpfeln ließ sich nicht anders deuten. Spannende 15 Minuten waren verstrichen, nun hatten wir unsere erste eigene Diagnose gestellt. Lachend überlegten wir gemeinsam, was wir mit unserem Tag noch anfangen wollten bis die Geburt „so richtig“ begänne. Und schon klammert ich mich an den nächstbesten Sessel und atmetet heftig wegen einer Wehe. Ups. Kurz darauf wieder eine. Lieber zurück ins Bett zum Kissenberg. Und Gabriele anrufen! Diese war gerade unter der Dusche, rief kurz darauf zurück. Ich erzählte vergnügt von meinen ersten Wehen und sie erinnerte mich an ein homöopathisches Mittel, das sie vorsorglich da ließ für den Fall, dass mich die ersten leichten Wehen nervös machten. Sie selbst würde jetzt ihren Tag umplanen und sich später noch mal melden. Gut. In der Zwischenzeit spielte mein Körper das „Geburtsvorbereitungsprogramm“ ab wie es im Buche steht: Entleerung nach unten, Entleerung nach oben. Alles mühelos.

Kurz darauf klingelte unser Telefon. Gabriele war versehentlich bei uns gelandet, hatte sich verwählt. Ich nutzte direkt die Gelegenheit zur Rücksprache, da ich wieder zwei Wehen hatte und gemeinsam mit meinem Partner bereits große Augen machte: Wenn das kleine Wehen waren, dann sah ich der Geburt mit Schrecken entgegen, konnte mir nicht gut vorstellen, die Steigerung zu ertragen. Auch mein Partner meinte nun, dass die vielleicht schon die echten Wehen seien? Ich war überrumpelt. Seit Blasensprung waren gerade 30 Minuten vergangen, ich soeben erst aufgewacht! Aber Gabriele hörte es auch direkt am Telefon, als mich die nächste Wehe ereilte. Sie wollte nur noch schnell ihren Kaffee leeren und dann zu uns kommen. Ich nutzte die weiteren Wehen zum Zeitabgleich. Tatsächlich hatte ich bereits alle 5 Minuten Wehen für 2 Minuten! Und seit ich wusste, dass ich diese „ernst nehmen“ durfte, taten sie auch nicht mehr weh. Außerdem veränderten sie sich: Waren die ersten Wehen eher „spitz und knackig“ so waren diese hier schon „runder und brummiger“ und wirkten sich mehr auf den unteren Rücken aus. Mein Partner massierte immer genau diesen Bereich, wenn ich den wehenden Körper gegen ihn drückte. In den Wehenpausen versuchte er eilig den Pool zu füllen. Soweit ging es also ganz gut. Ich tönte sehr, sehr laut und musste dabei auch ein wenig schmunzeln: Wochen vorher bestand ich auf Lockerungsübungen in der Wohnung, damit ich bei der Geburt keine Hemmungen hätte laut zu sein. Damals konnte mein Partner wunderbar laut sein und ich brachte nur ein leises Piepen heraus. Nun war es umgekehrt. Das laute und lange Atmen/Stöhnen/Schreien/Singen – was auch immer es war (Brunftgeräusche nannte es mein Partner später), es trug mich prima über die intensiven Wellen und ließ es nicht anstrengend erscheinen. Und schon war auch Gabriele da. Genau rechtzeitig, da nun die Wehen wieder eine andere Dimension erreichten und ich mir gar nicht mehr konkrete Hilfe bestellen konnte. Die Hebamme jedoch wusste genau, wo Hand angelegt werden sollte und löste meinen Partner ab. Jede Hilfestellung war optimal! Mittlerweile befand ich mich an unserem Bett auf einer weichen Unterlage kniend, den Oberkörper auf meinem Kissenberg aufgestützt. Ich fühlte mich gleichzeitig ganz weit abgehoben und sphärisch und dabei ganz klar im hier und jetzt. Ein erstaunlicher Zustand. Gabriele geleitete mich ruhig, sanft und sicher mit Vorschlägen in dieser Geburtsarbeit. Die nötige Muttermunduntersuchung (die einzige während dieser ganzen Schwangerschaft) kündigte sie vorher an und bereitete alles vor. Ich durfte mir den passenden Moment auswählen und legte mich schnell nach einer Wehe aufs Bett und schon vor der nächsten Wehe war klar, dass der Muttermund weit eröffnet war. Noch im Bett kam die nächste Wehenwelle, ich schaffte es nicht zurück zu meiner gewünschten Position, aber Gabriele warf sich einfach auf dem Bett vor mich und forderte mich auf, mich auf ihr abzustützen. Das tat unglaublich gut. Danach hatte ich genug Zeit, wieder eine Position zu wählen.

Gabriele fragte nun, ob ich zur Geburt einfach im Schlafzimmer bleiben wolle. Als ich bejahte räumte sie ein paar störende Gegenstände schnell zur Seite. All dies geschah wie selbstverständlich im Hintergrund ebenso wie ihre weiteren Geburtsvorbereitungen. Ich konnte mich ganz auf die Wehen und mich konzentrieren. Der Pool interessierte mich gar nicht mehr und so wechselte mein Partner von dieser Arbeit zum Kaffeekochen für die Dammkompressen. Kaum war dieser gekocht, ging es auch schon in die nächste Phase: Dem Vorschlag, ein paar Minuten im Stehen zu wehen, kam ich nach und war erstaunt, wie gut dies ging. So nahm ich auch den nächsten Vorschlag an, mich für die sich weiter steigernden Wehen auf den Geburtshocker zu setzen, obwohl ich mir dies nach dem befohlenen und unbequemen Toilettengang nicht sehr erbaulich vorstellte. Aber wieder einmal hatte Gabriele einfach recht und so saß ich sehr gut auf diesem Plastik-U, meinen Partner im Rücken, meine Hebamme vor mir und schrie noch lauter (unvorstellbar!) bei den schnell aufeinander folgenden Wehen. Dabei achtete Gabriele immer darauf, dass ich nicht auf die Zehenspitzen hochkam sondern stets den ganzen Fuß in den Boden drückte. Einmal kniff ich vor einer starken Wehe. Da sah sie mich ruhig an und sprach mir zu: „Auf diese Welle musst du springen, dann hast du es bald geschafft.“ Tatsächlich, es ging und damit ging es auch gleich weiter. Als sie mich aufforderte, das Kind auf seinem Geburtsweg zu unterstützen, wusste ich einfach nicht, wie ich es machen sollte und sie erklärte mir, wie ich meine Atemkraft zum Pressen einsetzen konnte. Dabei schlug sie mir auch vor, nach dem Kopf des Kindes zu fühlen, da mir dies helfen würde zu verstehen, was vor sich geht und wohin ich die Kraft lenken müsse. Dies war mir aber zu ungemütlich, soweit konnte ich mich nicht biegen und so blieb ich mit meiner Hand beim Damm und massierte ihn. Das erstaunte mich selbst in dieser Situation, aber ich war ganz froh, dass ich das „von alleine“ tat. Dann übernahm Gabriele wieder mit den Kaffeekompressen. Und ich – schrie noch lauter. Konnte nun das Köpfchen kommen spüren und rief meinem Partner zu: „Unser Baby kommt!“ Der Kopf war heraus, der Körper folgte kurz darauf mühelos. Gabriele warf einen schnellen Blick auf das Kind während ich mir das Nachthemd auszog und schon forderte sie mich auf, das kleine Bündel „endlich“ hochnehmen. Ein glitschiges, rotes, warmes Kind versuchte in meinen Armen wie ein Frosch an mir hochzuklettern! Ein unbeschreibliches Gefühl erfüllte mich. Das Strahlen seines Vaters spürte ich an meiner Schulter. Der ganze Raum war erleuchtet.

Gemeinsam wechselten wir ins Bett hinüber, die ewig lange Nabelschnur mit uns nehmend. Durch starken Schüttelfrost machten sich die Anstrengungen der Geburt bemerkbar, so dass ich warm in Decken eingehüllt wurde, meinen Partner an meiner Seite, unser Kind auf meinem Bauch.

Kurz darauf wurde die Plazenta geboren, die Gabriele und mein Partner gemeinsam untersuchten. Ich wollte diese auch betrachten, konnte jedoch meinen Blick nicht von diesem zarten Geschöpf wenden, das so sanft in meinen Armen lag.

Etwas später half mir Gabriele unter die Dusche und wieder ins Bett. Da waren schon alle Geburtsutensilien wieder aufgeräumt. Ebenso hatten der stolze Vater und die beste Hebamme endlich den Pool genutzt: Unser Sohn nahm dort sein erstes Bad.

Lachend sagten wir uns am nächsten Tag, dass sich unser Erstgeborene wohl viele Geschwister wünscht und deswegen so eine grandiose Geburt hingelegt hat. Und auch unserer Hebamme gebührt großer Dank: Die Geburtsbegleitung war einfach perfekt!

Zu keinem Zeitpunkt hatte ich das Bedürfnis, unsere Wohnung zu verlassen und mich mit Wehen unters Volk zu mischen, fremden Menschen gegenüber zu treten. Ich kann sagen, dass ich keine Schmerzen verspürte, wenngleich ich auch kein Wort für dieses Gewaltige habe, was meinen Körper unabdingbar überkam. In einer anderen Umgebung, so bin ich mir sicher, hätte ich alles nicht in diesem Maße zulassen können, mich nicht so der Geburtsarbeit hingeben können. Ich bin sehr froh, mich für eine Hausgeburt entschieden zu haben.

Epilog: Jeden Morgen erwacht unser Sohn zur gleichen Zeit zu der seinerzeit die Geburt begann. Jeden Morgen heiße ich ihn in unserem Schlafzimmer, seinem Geburtszimmer, willkommen. Wenn wir aus dem Bett steigen, stehen wir genau dort, wo er geboren wurde.

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